Tägliche Bewegungszeiten sind tägliche Bildungseinheiten!

Kinder erleben und erfahren von Geburt an ihre Umwelt und sich selbst über Bewegung. Mit ihrem natürlichen Bewegungsdrang erkennen sie sich selbst, ihre Potenziale und ihre eigenen Stärken. Vielseitige Bewegung ist Gesundheitsförderung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung zugleich. Doch die Lebenswelt von Kindern hat sich verändert und es wird immer wichtiger, diesen natürlichen Bewegungsdrang zu erhalten.
Dieser zunehmenden Bedeutung der Bewegungsförderung im Vorschulalter trug das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport im Jahr 2001 durch die Einrichtung von Motorikzentren an ausgewählten Fachschulen für Sozialpädagogik Rechnung. Diese Fachschulen ergänzen ihr Fächerangebot bei der Ausbildung von Erzieher*innen um das Wahlpflichtfach „Sport- und Bewegungspädagogik“. In Zusammenarbeit mit dem Badischen Turner-Bund und dem Schwäbischen Turnerbund kann zudem die Übungsleiterlizenz „Eltern-Kind-/Kleinkinder-Turnen“ erworben werden.
Die Gewinnung von Übungsleiter*innen für das Kinderturnen ist für die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg eine Herzensangelegenheit, weshalb sie Maßnahmen der Motorikzentren mit dem Ziel, Schüler*innen für die ehrenamtliche Tätigkeit als Übungsleiter*in im Turn- und Sportverein zu gewinnen, fördert. Außerdem sind die Motorikzentren in den jeweiligen Regionen Ansprechpartner für die Kindertagesstätten in Sachen Bewegung bzw. Sport und damit wichtiger Partner der Stiftung bei der Bewegungsförderung in der Kita.

Wir sprachen mit Carl-Michael-Bundschuh, Leiter des Motorikzentrums am Institut für Soziale Berufe St. Loreto Schwäbisch Gmünd, über die Bedeutung von Bewegungsförderung im Kita-Bereich und die weitreichende Wirkung von regelmäßiger Bewegung.

Carl-Michael Bundschuh ist Leiter des Motorikzentrums am Institut für Soziale Berufe St. Loreto Schwäbisch Gmünd und selbst begeisterter Sportler.
Carl-Michael Bundschuh ist Leiter des Motorikzentrums am Institut für Soziale Berufe St. Loreto Schwäbisch Gmünd und selbst begeisterter Sportler.

Herr Bundschuh, warum ist es so wichtig, Bewegung von Klein auf im Leben unserer Jüngsten zu verankern?
Kinder lernen über ihren Körper. Je besser Kinder ihren Körper kennen und mit ihm umgehen können, desto besser funktioniert ihr „Lerninstrument“. Vergleichen wir den Körper mit einem Malpinsel. Je öfter wir diesen Pinsel in verschiedenen Situationen verwenden können, desto mehr erfahren wir über seine Eigenschaften, was er kann, was er nicht kann, für was er geeignet ist oder auch nicht. Nur die häufige Nutzung zeigt dem Nutzer diese Eigenschaften. Der Körper sollte also ein Erfahrungsfeld der Sinne sein und unsere Kinder sollten ihn jeden Tag aufs Neue und genauer kennenlernen. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen eingeschränkten Sprachschatz, aus Ihnen quirlen jeden Tag tausende Ideen und ringsherum versteht Sie kaum einer. Bei diesem Erlebnisgewitter kann man doch fast wahnsinnig werden! Der Körper des Kindes ist ein wichtiges Kommunikationsmittel. Wörter, die über den Körper wahrgenommen und gelernt werden, Begrifflichkeiten, die in Spielsituationen erlebt werden, gehen buchstäblich in „Haut und Haar“ über. Denken Sie doch daran, wie Kinder mit Hand und Fuß erzählen und gestikulieren. Wie soll dies funktionieren, wenn dem Kind nicht bekannt ist, wie das Erzählen mit dem eigenen Körper geht? Bewegung ist die erste Form von Bildung.

Deshalb ist es so wichtig, Bewegungsförderung direkt schon in der Kita zu implementieren?
Ja, denn wie schon beschrieben: Tägliche Bewegungszeiten sind tägliche Bildungseinheiten! Nicht jedem Kind stehen in der Zeit außerhalb der Kita-Betreuung die Möglichkeiten einer täglichen vielfältigen Bewegungszeit zur Verfügung. Ich nenne pädagogische Fachkräfte und Sportfachkräfte gerne auch „Entwicklungsbegleiter“ der Kinder. Dabei sehe ich die Bereitstellung vielfältiger und differenzierter Bewegungsangebote im Kita-Alltag, im Sportunterricht und im Verein als Hauptaufgabe. Diese Angebote sind nichts anderes als „Bausteine fürs Leben“. Denn es geht bei der Bewegungsförderung nicht um wahllos zusammengestellte Übungen, die den Kindern sehr wohl Spaß machen können. Es braucht für methodisch-didaktische Übungs- und Bildungseinheiten in einem ganzheitlichen Zusammenhang entsprechende Qualifikationen. Deshalb ist es wichtig, dass pädagogische Fachkräfte in der Bewegungsförderung ausgebildet werden.


Bewegung fördert nicht nur die körperliche, sondern auch die soziale, psychische und kognitive Entwicklung eines Kindes. Können Sie uns Beispiele nennen?

Kinder entwickeln über vielfältige Bewegungsangebote ein Bild von sich. Dieses Selbstbild wird zu einem Selbstkonzept, also zu dem Bild, welches ich von mir habe, entwickelt. Ein hohes Maß an Selbsttätigkeit in den Bewegungsbereichen fördert diese Entwicklung. Erlebte Wechselwirkungen fördern die Entwicklung der eigenen Identität und dies geschieht hauptsächlich über Wahrnehmung und Bewegung.
In der Pandemie fehlen diese Berührungspunkte mit anderen Kindern, das gemeinsame Tun, gemeinsam spielen, gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren, gemeinsam messen, vergleichen. Wie gehe ich mit Sieg und Niederlage um? Wie zufrieden bin ich mit meinen erbrachten Leistungen? Wie kann ich diese einordnen? Die Auswirkungen auf unsere Kinder sind vielleicht jetzt noch nicht, sondern erst in naher Zukunft oder noch später, sichtbar.

Inwieweit haben sich die Bewegungsmöglichkeit im Vergleich zu früher verändert?
Wie wir alle wissen und täglich lesen, wird der Bewegungsraum zunehmend eingeschränkt. Wo früher noch Felder und Wiesen waren, durchzieht beispielsweise eine Hauptstraße die ehemalige Spielwiese und erschwert den Zugang zu natürlichen Spielfeldern. Die vermehrt aufkommende Verkehrsdichte nicht nur in Großstädten birgt automatisch ein höheres Unfallrisiko. Kinder für den Alltag „tauglich“ und „verkehrssicher“ zu machen ist eine fundamentale Aufgabe der Bewegungserziehung.

Mit etwas Kreativität können tolle Bewegungslandschaften entstehen, durch die sich Kinder noch viel mehr für sich und ihr späteres Leben aneignen können als
Mit etwas Kreativität können tolle Bewegungslandschaften entstehen, durch die sich Kinder noch viel mehr für sich und ihr späteres Leben aneignen können als “nur” die Freude an Bewegung. (Bilder: Bundschuh)

Die Kinder werden also durch Bewegung ganz grundsätzlich gut auf ihr gesamtes Leben vorbereitet?
Ja! Als Beispiel: Eine gute und sichere Haltungsregulation bedeutet in Stresssituationen den Körper sicher beschleunigen und abbremsen zu können. Läuft ein Kind beispielsweise auf einem Gehweg und möchte die Straße überqueren, sieht aber im letzten Moment ein herannahendes Fahrzeug. Das Kind muss schnell reagieren und den Körper sofort stoppen können, sonst würde etwas Schreckliches passieren. Sicherlich kennen Sie das Fangspiel „Linienfange“ bei denen die Jäger und Gejagten sich immer nur auf markierten Linien auf dem Boden fortbewegen dürfen. Wer neben die Linie tritt wird neuer Fänger. In diesem Fall stehen die Linien für einen schmalen Gehweg. Die Kinder lernen hierbei in einer hohen Geschwindigkeit die Richtungskonstanz zu halten. Ebenso lernen Sie in diesem Spiel schnelle Richtungswechsel, Loslaufen und Abstoppen, sowie spontane oder geplante Richtungswechsel. Wer spielt denn in der Praxis Linienfange als Spiel zur Schulung der Verkehrssicherheit? Für mich sind Sportfachkräfte und pädagogische Fachkräfte im frühkindlichen Bereich wirkliche „Lebensretter“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie konkret können bewegungsfördernde Maßnahmen in der Kita konkret aussehen?
Kinder haben von Geburt an einen natürlichen Bewegungsdrang. Hier gilt es, den Spaß an der Bewegung aufrecht zu erhalten und zu fördern. Die spielerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, mit Anderen und mit verschiedenen Materialien sollten die drei wichtigen Kompetenzen Ich-, Sozial- und Sachkompetenz aufbauen.
Ein Beispiel ist die spielerische Auseinandersetzung mit dem Ball. Oftmals setzen wir zu viel Wissen über Gegenstände voraus. Kinder sollten in verschiedenen Angeboten Selbsterfahrungen über und mit dem Ball machen. Wie sieht die Oberfläche eines Balles aus? „Schau der hat eine Haut wie eine Kröte!“ (lauter kleine Punkte, Warzen). Wie springt er? Springen größere Bälle höher als kleinere? Welcher Ball rollt schneller? Oder mit geschlossenen Augen arbeiten: Kann der hüpfende Ball durch Hören erraten werden? Gemeinsam können Bälle experimentell miteinander verglichen werden: Drei verschiedene Bälle fallen vom Tisch. Welcher springt am höchsten? Die Kinder sollen vorher einen Tipp abgeben und diesen begründen: So probieren sie sich gleich an Annahmen – und natürlich auch mal an Fehlannahmen – aus und lernen auch den Umgang damit.