Appell für einen Bewegungspakt

Schon vor der Corona-Pandemie haben sich die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland weniger bewegt als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Durch Schul- und Vereinsschließungen während der Lockdowns konnten die gesunderhaltenden 60 Minuten körperlich-sportliche Aktivität über den Tag verteilt erst recht nicht erreicht werden, da beispielsweise der tägliche Schulweg wegfiel. Sportwissenschaftler*innen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) halten deshalb eine Qualitätsoffensive von Kommunal- und Bundespolitik für eine hochwertige Sport- und Bewegungsförderung Heranwachsender für notwendig.

„Wir haben die Sorge, dass die Pandemie eine Generation hinterlässt, der es an Fitness fehlt, und sich dies langfristig negativ auf ihre Gesundheit auswirkt“, sagt Prof. Dr. Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) am KIT und Kuratoriumsmitglied der Stiftung. Gemeinsam mit Fachkolleginnen und -kollegen des deutschlandweit einzigen interinstitutionellen Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS) – das vom KIT und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe getragen wird – haben die Forscher*innen „5 Thesen und 11 Forderungen zur Bewegungs- und Sportförderung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie“ veröffentlicht.

Das Papier betont die Bedeutung körperlicher Aktivität der Heranwachsenden für lebenslange physische und seelische Gesundheit sowie soziales Wohlbefinden. Es basiert auf Studiendaten der Motorik-Modul-Studie und des Fitnessbarometers der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg, die unter anderem zeigen, dass die körperliche Alltagsaktivität und die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im zweiten Lockdown im Vergleich zum ersten deutlich abnahm. „Nicht nur in Mathe und Deutsch müssen Defizite aufgeholt werden, auch die motorische Entwicklung ist unabdingbar für die ganzheitliche Bildung, und wir sollten hier keine Kinder zurücklassen“, betont Dr. Claudia Niessner, Projektleiterin der bundesweiten Motorik-Modulstudie.

Qualitätsoffensive für die sportpädagogische Ausbildung
Gemeinsame Anstrengungen, um Bewegungs- und Sportangebote in Schulen, Vereinen und in der Freizeit zu sichern, seien auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene notwendig und sollten in einem Bewegungspakt umfangreich finanziell gefördert werden, erneuert Alexander Woll seine Forderung von 2019.
Auf kommunaler Ebene sei eine gute Vernetzung zwischen Sport- und Bildungsinstitutionen (Kita/Schule) wichtig, damit Bewegungsangebote in allen Settings (inklusive Schulsport und obligatorischem Sportunterricht) qualitativ hochwertig sind und die Heranwachsenden davon nachhaltig profitieren, sagt Professorin Swantje Scharenberg. „Es gibt in Deutschland eine flächendeckende Landschaft an Sportorganisationen, die ein großes kreatives Potenzial und einen Erfahrungsschatz haben, neue Formate und Konzepte zu erarbeiten“, so die Leiterin des FoSS. „Der Pandemie geschuldet haben diese viele gute Angebote entwickelt, auch digital gestützt, und öffentlich bereitgestellt. Wir sollten diese Ideen für das gesunde, aktive Aufwachsen der Kinder in einer Qualitätsoffensive in der (sport)pädagogischen Aus- und Fortbildung bündeln!“

Bewegungsflächen in den Städten
Städteplanerisch sei es wichtig, im nahen Wohnumfeld Flächen für Bewegung, Spiel- und Sport zu schaffen, „besonders in eng bebauten Gebieten“, um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zu unterstützen, heißt es in dem Papier. Kinder, die in mehrstöckigen Häusern in der Großstadt wohnen, hätten sich während der Pandemie am wenigsten bewegt, erläutert Dr. Claudia Niessner.
Die Autorinnen und Autoren schlagen zudem vor, länderübergreifende Konzepte für qualitativ hochwertige, digitale Bewegungsangebote umzusetzen. „Während der Pandemie gab es erste gute Konzepte für ergänzenden digitalen Kinder- und Jugendsport“, sagt Woll. Diese Ansätze sollten gefördert und qualitätsgesichert weiterentwickelt in die Gestaltung von Bildungsplänen einfließen.

Die Überlegungen der Autorinnen und Autoren basieren auf Erkenntnissen aus der bundesweit repräsentativen Motorik-Modul-Studie (MoMo) zur Entwicklung von Motorik und körperlich-sportlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen. „Ein deutschlandweites, langfristiges Monitoring der motorischen Fähigkeiten und des Bewegungsverhaltens von Kindern und Jugendlichen wird benötigt, um weiterhin die Folgen der Corona-Pandemie zu beobachten, und die Datenbasis für Interventionen zu schaffen“, betonen die Forschenden. Die seit 2003 laufende MoMo-Studie als Teil der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS) des Robert Koch-Instituts (RKI) endet 2022.