Aktive Eltern – aktive Kinder!
Je größer die Bewegungsvorbilder, desto bewegter ist der Nachwuchs

Bei der Bewegungs- und Alltagsaktivität von Kindern kommt vor allem den Eltern eine zentrale Rolle zu. Sie sind Vorbilder und geben den Ton an, wenn es um die Gesundheit und die Bildung ihrer Kinder geht. Wie gut es Eltern gelingt, ihre Vorbildfunktion zu erfüllen und ihren Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, hängt laut AOK-Familien-Studie (2018) von zeitlichen, finanziellen, aber auch körperlichen und psychischen Ressourcen ab, die den Eltern selbst zur Verfügung stehen.

Aktive Eltern – aktive Kinder!
Mehr als die Hälfte der Eltern, die an der Studie teilnahmen, sind übergewichtig bis adipös. Die Kinder, deren Eltern sich zu wenig bewegen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit später auch übergewichtig und adipös. Wer jedoch bereits als Kind die Bewegung verinnerlicht hat, bleibt auch als Erwachsener aktiv.
Bei der Bewegung müssen Eltern deshalb mit gutem Beispiel vorangehen. Für jede dritte Familie gehört körperliche Aktivität in der Freizeit jedoch nicht dazu! Gerade einmal zehn Prozent der 4-14-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind mindestens 60 Minuten täglich in moderater Intensität aktiv, was von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Bundesgesundheitsministerium in den 2016 erschienenen nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung gefordert wird.

Kinder werden schon im Mutterleib geprägt
Babys und Kleinkinder (0-3 Jahre) sollen die Möglichkeit haben, sich so viel wie möglich zu bewegen und ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben. Denn können sie das nicht, hat das weitreichende Folgen: „Kindliche Adipositas hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und gravierende negative gesundheitliche Auswirkungen. Sind es bei den jüngeren Kindern eher psychosoziale Beeinträchtigungen sehen wir bei den Jugendlichen Störungen des Zuckerstoffwechsels (Diabetes), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates“, erklärt Dr. Thomas Kauth, Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkt Ernährungsmedizin im Rahmen des Fitnessbarometers 2020 der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg. Wie kann dem entgegengewirkt werden? „Über eine Steigerung der körperlichen Aktivität und eine Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten kann das starke Übergewicht vermindert werden. Dadurch bessern sich die Krankheitszeichen“, so der Experte weiter. Dabei ist es wichtig, möglichst frühzeitig zu intervenieren. „Kinder werden schon im Mutterleib durch eine Schwangerschaft mit viel Bewegung positiv geprägt und haben später ein geringeres Risiko an Adipositas zu erkranken.“

Die Bewegungsparadoxon ausgesetzt
Vor der Coronapandemie lies sich ein Bewegungsparadoxon beobachten: So stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in einem Turn- und Sportverein aktiv sind, während deren körperliche Alltags-Aktivität abgenommen hat. Die Teilnahme allein am Angebot der Turn- und Sportvereine kann nicht ausgleichen, was den Kindern im Laufe der Jahre an Alltagsbewegung, etwa dem ungestörten Spielen im Wald oder auf der Straße, dem Radeln oder Laufen in die Kita oder in die Schule, verloren gegangen ist. Insgesamt jedoch sind die Turn- und Sportvereine mit ihren Angeboten ein wichtiger Baustein für die motorische Grundlagenausbildung der Kinder. Durch die Corona-Pandemie hat sich das Verhältnis in überraschender Weise verändert, wie eine Studie des Karlsruher Instituts für Sport und Sportwissenschaft zeigt. Während des ersten Lockdowns haben die Kinder und Jugendlichen einerseits mehr Zeit vor dem Fernseher, dem Computer und mit dem Handy verbracht und weniger organisierten Sport betrieben – sich insgesamt aber mehr bewegt als in ihrem regulären Alltag. So wird deutlich: Haben Kinder entsprechende Freiräume, kommen sie ihrem natürlichen Bewegungsdrang von sich aus nach. Aber wie zuvor beeinflusst der soziale Hintergrund der Kinder auch hier ihr Bewegungsverhalten. Insgesamt lässt sich festhalten: die Mischung macht’s! So sind sowohl das freie Spielen und Bewegen draußen wie auch angeleitete Bewegungsangebote wie Kinderturnen zentral für die Ausbildung der motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern und auch Jugendlichen.

Bewegungsräume in der Kommune
Was die Corona-Pandemie auch deutlich macht: Viele der alltäglichen Bewegungsräume von Kindern aus früheren Jahren existieren in dieser Form nicht mehr. Prof. Dr. Alexander Woll, Leiter des Karlsruher Instituts für Sport und Sportwissenschaft hebt die Relevanz hervor: “Insbesondere in Großstädten muss es stets genügend Bewegungsflächen für Kinder und Jugendliche geben. Sie sind ein wichtiger Raum für jene, die kein Zuhause mit Garten haben.” Kommunen können Bewegung in Familien fördern: „Ein bewegungsfreundliches Wohnumfeld fördert familiäre Aktivitäten. Deshalb ist es wichtig, dass es beispielsweise sichere, gut ausgebaute Geh- und Fahrradwege gibt sowie kindgerechte Spielplätze und Parks“, betont Alexander Kölle von der AOK Baden-Württemberg. Und auch er nimmt die Erwachsenen als (Bewegungs-)Vorbilder in die Pflicht: „Wir sollten aktive, bewegungsbegeisterte Vorbilder sein, als Elternteil und als Fachkraft in Schule oder Kita. Wenn wir unseren Kindern von klein auf Bewegungsfreude vorleben, dann können sie gar nicht anders, als Spaß an der Bewegung zu haben – ihr Leben lang!“, so der Sportwissenschaftler.

Gelebte Bewegungsförderung
Mit ihren Projekten unterstützt die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg Familien, aber auch Kitas, Grundschulen und Kommunen und fördert das Kinderturnen von Turn- und Sportvereinen in Baden-Württemberg. Die Stiftung sieht sich außerdem als Brückenbauer, indem sie Netzwerke initiiert und sich auf landesweiter Ebene engagiert. Susanne Weimann, geschäftsführender Vorstand, ist sich sicher: „Nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass der Alltag von Kindern bewegungsfreundlicher wird und dass wir Erwachsenen realisieren, wie wichtig wir als Bewegungsvorbilder für unsere Jüngsten sind. In der Familie, aber auch in Kita und Schule. Die Corona-Krise hat und wird die Lebenswelt von Kindern weiter verändern. Möglicherweise bietet die aktuelle Situation auch Chancen. Zum Beispiel, dass sich bestehende Netzwerke vergrößern und auf Basis von Best-Practice-Beispielen neue, zukunftsfähige Konzepte entstehen.“